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Wortreihung neunzehn | |||||||||||||||
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Guten Tag
Bei ungetrübten Sichtverhältnissen nehmen sich die Grüßenden und Zu-Grüßenden in einer durchschnittlichen Entfernung von 18 Metern wahr. Von diesem Augenblick an beginnen die Vorbereitungen für die Begrüßung. Kleidungsstücke werden zurechtgerückt, Nasen hochgezogen oder noch rasch abgewischt. Winkel rasten probeweise ein, vorsorglich läuft sich ein Lächeln warm. Das Abwägen der Worte spitzt sich zu. Nur noch wenige Meter. Die Augen heften sich auf´s Trottoir, sammeln Konzentration und nehmen in einem lockeren Empor offiziell blickenden Kontakt auf. Noch drei, zwei Schritte, jetzt! Die Sehachsen decken sich, werden für Bruchteile einer Sekunde arretiert, zwei Lächeln gehen ins Spagat, die herzlichen Worte der Begrüßung perlen hervor, beschwingt vom Nicken der Köpfe. Und schon gleiche Höhe, das Hinweghuschen des Gegenüber, geschafft. Die Nackenmuskeln entspannen, die Lippen lehnen sich gelassen an die Brüstung der Zähne, die Blicke sind wieder frei. Nur im Rücken kitzelt es noch ein wenig. | ||||||||||||||||
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Wortreihung vierunddreißig | |||||||||||||||
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Bäume wachsen in den Himmel und winken zur Erde herab. Berge ragen in den Himmel und verschenken ihre Täler. Seen spiegeln ihren Himmel und umarmen ausnahmslos. Wir beherrschen Bäume, Berge, Seen, fällen, besteigen, tauchen hinein nach Belieben und verlieren stolz den Himmel. | ||||||||||||||||
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Wortreihung einundvierzig | |||||||||||||||
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Mit unserer alten Holztreppe das ist wirklich komisch. Ich glaube nicht an Gespenster, höchstens, als ich klein war, ein bißchen. Aber manchmal glaube ich, unsere Treppe ist lebendig. Es ist, als würde sie sich mit uns unterhalten, nur, daß die meisten Leute sie überhaupt nicht bemerken und fast immer einfach über sie hinweggehen. Jede einzelne Stufe besitzt ihre ganz bestimmten, eigenen Geräusche. Und jede einzelne Stufe kann diese Geräusche endlos variieren, je nachdem, wer welchen Ton wie anstimmt. Und so entsteht Stufe um Stufe eine Melodie, tausend Melodien, die ich von meinem Zimmer aus, manchmal mit nur angelehnter Tür, so wahnsinnig gerne belausche. Geht einer unsere Treppe hinunter, dann klingt sie völlig anders, als wenn derselbe sie hinaufsteigt, aber nicht einfach bloß das Hinaufsteigen rückwärts. Auf jedes Gewicht reagiert sie unterschiedlich. Bei uns Kleinen scheint die eine oder andere Stufe kitzlig zu sein, während einige bei den Großen, Dicken manchmal richtig ärgerlich werden. Wenn einer es besonders eilig hat, merkt das die Treppe genauso wie sie Müdigkeit oder Traurigsein spürt. Sie errät sogar fast immer das richtige Alter der Menschen, die sie betreten, egal ob sie hoch- oder runtergehen. Ihre lange lange Erfahrung hilft ihr dabei. Schon Dirk zeigte als Kind jedem ganz stolz, wie er drei Stufen in einem Satz überspringen konnte. Bestimmte Stufen haben das bis heute nicht vergessen. Manchmal glaube ich, daß die Treppe mit ihrem aufschreckenden Stolperkrach die Leute davor warnen möchte hinzufallen, richtig zu stürzen und sich sehr wehzutun. Aber ich kenne niemanden, der ihr zuhört, erst recht keinen, der auf sie hören würde. Dabei könnten wir uns an ihr ein Beispiel nehmen. Denn die alte Holztreppe hört immer erst einmal jedem zu, bevor sie antwortet und anfängt zu reden. Wie kuschelig sie flüsterte, als Mama das Baby hochtrug. Wie sie sich polternd mit uns freut, wenn letzter Schultag ist. Wie sie alten Menschen zu helfen versucht und irgendwie zu ahnen scheint, wann es nicht mehr weitergeht. Und sie erkennt sofort, auf den ersten Stufen, Fremde. Sie geht augenblicklich auf Distanz, sie findet Töne, die sie bei uns noch nie verwendet hat. Über Hunde freut sie sich immer, es hört sich jedesmal so an, als würde sie kichern oder richtig lachen über das Tolpatschige und Ungestüme der Viecher. Mich mag sie am liebsten, das weiß ich ganz genau, deshalb verrät sie mir auch jeden, der sich an mein Zimmer heranzuschleichen versucht. Manchmal, ich weiß, es klingt verrückt, glaube ich sogar, daß die Treppe irgendwie spürt, wie ich mich beim Lauschen fühle, was oder wen ich erwarte, wonach ich mich sehne oder wovor ich Angst habe, als würden meine Gedanken und Gefühle lautlos schwebende Fußabdrücke bilden, die sie ertasten und lesen kann. Und daß sie sich ins Zeug legt, damit ich nicht enttäuscht werde. Aber viel kann sie natürlich nicht tun. Wirklich verrückt ist, daß sie niemals zu schlafen scheint. Unsere Treppe ist in der Nacht genauso lebendig und aufmerksam wie am Tag. Nur, ab und zu könnte man meinen, daß sie sich ein wenig fürchtet, ein ganz kleines bißchen vielleicht. Auf jeden Fall kommt sie nicht zur Ruhe, obwohl eigentlich nie etwas zu sehen ist. Nachts gibt es keine Melodien, sie beläßt es fast immer bei einzelnen, abrupten Geräuschen, sie mag dann ganz besonders die total plötzlichen, die einen mitten im Schlaf wachmachen. Das kann sehr unheimlich sein. Vielleicht träumt sie ja auf eine Weise, wie nur eine Treppe träumen kann. Ob sie mir wohl irgendwann einmal anvertraut, mit wem sie so geheimnisvolle Zwiesprache hält? Manchmal, wenn niemand in der Nähe ist, streichle ich über das Geländer, über die weichen Kanten der Stufen. Ich bin sicher, sie fühlt es. | ||||||||||||||||
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Wortreihung siebenundsiebzig | |||||||||||||||
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Musik war das Element, in dem wir uns zuhause fühlten. Mit ihr verflüssigten wir die Last und Enge der gegebenen Ordnung, Sie entzündeten den Rhythmus, mit dem wir die Starrheiten um in uns durcheinanderwirbelten, mit dem wir alles auf den Kopf stellten, vernarrt in eine Kopflosigkeit mit geschlossenen Augen. Musik hören war ein Zustand, der zur Lebensform wurde. Nicht fixierbar, nicht materiell, ein gezeitenloses Meer aus klingenden Visionen, unbesiegbar stark, nur inmitten von Stille von Ängstlichkeit berührt. Musik fühlen wurde zur emphathischen Liebeserklärung. An die Gegenwart. An ein wehrlos entblößtes Existieren in vegetativer Freiheit. An das Sich-Berauschen am Sein, am schlichten jetzt hier sein. An Schnelligkeit, Intensität und Übermaß als willentlich nutzlose Vorkehrung vor jedwedem Vorbei. An die Liebe. An das Leben als taktile Musik übermütiger Körper. An Friedfertigkeit pflanzende Herzen, deren Hände mit Blumen spielen. An den Tod. An das anschmiegsame Sterben als das gerechteste Maß aller Dinge und Menschen. An das Ich. Und Du. Und Wir. An die Musik. Musik spielen hieß Ikarus sein, Sisyphus spüren, Tantalus wecken, einfach alle Geister auf die Bühne holen und zum regellosen Tanz auffordern. Die, die die Musik spielten, sie baten nicht, sie forderten, mit elektrischen Gitarren im Anschlag. Sie forderten von allen alles, noch etwas mehr von sich selbst. Sie setzten violette Träume frei, deren kaleidoskopierende Blasen dem Gewicht der Erde enteilten. Sie verwandelten die Welt in ein Erdbeerfeld für alle Menschen, die jedem ihrer trommelnden Schritte Behutsamkeit und jedem ihrer flirrenden Gedanken Phantasien verliehen. Sie überrollten die Glücklosigkeit mit einem tosenden Steinschlag aus Sehnsüchten. Sie glaubten blind an alles, was ihre Gefühle sahen und hörten. Sie öffneten Türen so weit, daß sie aus der Verankerung rissen und den Blick bis mitten in den Tod hinein freigaben. Sie erkundeten entgrenzte Erfahrungsräume mit äußerst kurz unerschöpflicher Gier, übergossen sich mit ihrem Feuer und schrien am begeistertsten, wenn sie den Punkt des nicht mehr zurück hinter sich wußten. Sie verschenkten Vorstellungen einer Welt aus Frieden und Liebe, aus Liebe und Frieden, Vorstellungen, die selbst in schwarzen Tränen Hoffnung irisieren. | ||||||||||||||||
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Wortreihung dreiundachtzig | |||||||||||||||
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Von Himbeeren und anderen Geistern Erzähl mir was vom Himbeergeist, Du weißt, was ich am liebsten mag. Theorien sind die Umzugskisten des Verstandes. So was? Nein, völlig verrückt. Lies aus Büchern vor, in denen der Himbeergeist wohnt. Cogito, ergo sum! Ja, das ist ein Himbergeist. Was heißt das? Ich sterbe, also war ich. Das ist ja traurig. Was anderes, aber nichts Trauriges. Der Referent referiert sein Referat, draußen klemmt der Getränkeautomat. Drinnen sind zwei nach draußen gegangen, haltet sie, haltet sie, die haben Verrat begangen. Weiter. Mehr. Die Nekrophilie als transzendentales Apriori des Da-Seins. Das klingt schön, was bedeutet es? Man muß Neger lieben, sonst ist man von vorneherein auf dem falschen Da-Mpfer. Bei uns gibt es aber keine Neger, die man lieben könnte. Wir sind auch auf dem falschen Dampfer. Noch einen Himbeergeist, bitte, noch einen klitzekleinen. Einzig wirklich ist die Bombe, wir sind die Lemuren ihres Zünders. Der gilt nicht. Wieso? Weiß nicht, aber der gilt nicht, der ist irgendwie komisch. Mach weiter. Mach 2. Prima, zwei sind immer besser als einer. Was ist ein Flohbär? Ein klitzekleiner Bär. Falsch. Dann weiß ichs nicht. Ein Schriftsteller, aus Frankreich, weltbekannt. Das glaube ich nicht, ist aber ein schöner Himbeergeist. Kreuzen Sie bitte Anzukreuzendes an. Welches Computerspiel mögen Ihre Kinder am liebsten? Weltkrieg I? Weltkrieg II? Weltkrieg III? Ich mag überhaupt kein Weltkriegspiel, die sind doch alle doof. Amor fati. Das stimmt, ich hab Dich wirklich lieb, aber das gehört nicht zum Himbeergeist. Wer mit den Augen nicken kann, den muß jeder lieben. Ehrlich? Ja. Dann zeig mir, wie mans macht. Das geht nicht. Warum nicht? Himbeergeister haben keine Hände, die zeigen können. Aber ich bin sein Bote und dann nur das, was er können kann. Knöchelnder Applaus. Nein, noch nicht. Doch, doch, Es ist vorbei, Du weißt, sobald sich der Vorhang hebt, nehmen Himbeergeister hurtig scheu Reißaus. Das glaub ich nicht. Wer weiß, braucht nicht zu glauben. Wirklich? Ganz wirklich. Ich glaub Dir nicht, Du bist ein Himbeergeist. | ||||||||||||||||
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