Wortreihung eins
Nach Auschwitz
sind Gedichte
nicht mehr möglich

das ist richtig

Gedichte
nach Auschwitz
sind vielleicht möglich
wenn ausnahmslos
jede Zeile
mit Auschwitz beginnt
wenn jedes einzelne Wort
darauf zielt
diesem Wahnsystem
den Triumph zu entreißen
wenn schon nicht
alle Juden
so doch alle zukünftigen
Gedichte verbannt
und eingeäschert zu haben
wenn jedes Zeichen
gesetzt wird
um die absolute Unmenschlichkeit
mit kleinen zittrigen
Menschlichkeiten zu zersetzen

Gedichte sind
ohne Auschwitz
nicht mehr möglich








Wortreihung neunzehn
Guten Tag

Bei ungetrübten Sichtverhältnissen
nehmen sich die Grüßenden und Zu-Grüßenden
in einer durchschnittlichen Entfernung
von 18 Metern wahr.
Von diesem Augenblick an
beginnen die Vorbereitungen
für die Begrüßung.
Kleidungsstücke werden zurechtgerückt,
Nasen hochgezogen oder
noch rasch abgewischt.
Winkel rasten probeweise ein,
vorsorglich läuft sich ein Lächeln warm.
Das Abwägen der Worte
spitzt sich zu.
Nur noch wenige Meter.
Die Augen heften sich auf´s
Trottoir, sammeln Konzentration
und nehmen
in einem lockeren Empor
offiziell blickenden Kontakt auf.
Noch drei, zwei
Schritte, jetzt!
Die Sehachsen decken sich,
werden für Bruchteile einer
Sekunde arretiert,
zwei Lächeln gehen ins Spagat,
die herzlichen Worte
der Begrüßung
perlen hervor,
beschwingt vom Nicken der Köpfe.
Und schon gleiche Höhe,
das Hinweghuschen des
Gegenüber, geschafft.
Die Nackenmuskeln entspannen,
die Lippen lehnen sich gelassen
an die Brüstung der Zähne,
die Blicke sind wieder frei.
Nur im Rücken
kitzelt es
noch ein wenig.








Wortreihung vierunddreißig
Bäume wachsen in den Himmel
und winken zur Erde herab.
Berge ragen in den Himmel
und verschenken ihre Täler.
Seen spiegeln ihren Himmel
und umarmen ausnahmslos.
Wir beherrschen
Bäume, Berge, Seen,
fällen, besteigen,
tauchen hinein nach Belieben
und verlieren stolz
den Himmel.








Wortreihung einundvierzig
Mit unserer alten Holztreppe
das ist wirklich komisch.
Ich glaube nicht an Gespenster,
höchstens, als ich klein war, ein bißchen.
Aber manchmal glaube ich,
unsere Treppe ist lebendig.
Es ist, als würde sie sich mit uns
unterhalten, nur, daß die meisten Leute
sie überhaupt nicht bemerken und
fast immer einfach über sie hinweggehen.
Jede einzelne Stufe besitzt ihre
ganz bestimmten, eigenen Geräusche.
Und jede einzelne Stufe kann diese
Geräusche endlos variieren, je nachdem,
wer welchen Ton wie anstimmt.
Und so entsteht Stufe um Stufe
eine Melodie, tausend Melodien,
die ich von meinem Zimmer aus,
manchmal mit nur angelehnter Tür,
so wahnsinnig gerne belausche.

Geht einer unsere Treppe hinunter,
dann klingt sie völlig anders,
als wenn derselbe sie hinaufsteigt,
aber nicht einfach bloß
das Hinaufsteigen rückwärts.
Auf jedes Gewicht reagiert sie unterschiedlich.
Bei uns Kleinen scheint die eine
oder andere Stufe kitzlig zu sein,
während einige bei den Großen, Dicken
manchmal richtig ärgerlich werden.
Wenn einer es besonders eilig hat,
merkt das die Treppe genauso
wie sie Müdigkeit oder Traurigsein spürt.
Sie errät sogar fast immer
das richtige Alter der Menschen,
die sie betreten, egal ob sie
hoch- oder runtergehen.
Ihre lange lange Erfahrung
hilft ihr dabei.
Schon Dirk zeigte als Kind
jedem ganz stolz, wie er
drei Stufen in einem Satz
überspringen konnte.
Bestimmte Stufen haben das
bis heute nicht vergessen.

Manchmal glaube ich, daß die Treppe
mit ihrem aufschreckenden Stolperkrach
die Leute davor warnen möchte
hinzufallen, richtig zu stürzen
und sich sehr wehzutun.
Aber ich kenne niemanden,
der ihr zuhört, erst recht keinen,
der auf sie hören würde.
Dabei könnten wir uns
an ihr ein Beispiel nehmen.
Denn die alte Holztreppe hört
immer erst einmal jedem zu,
bevor sie antwortet
und anfängt zu reden.
Wie kuschelig sie flüsterte,
als Mama das Baby hochtrug.
Wie sie sich polternd mit uns freut,
wenn letzter Schultag ist.
Wie sie alten Menschen
zu helfen versucht und
irgendwie zu ahnen scheint,
wann es nicht mehr weitergeht.
Und sie erkennt sofort,
auf den ersten Stufen, Fremde.
Sie geht augenblicklich auf Distanz,
sie findet Töne, die sie bei uns
noch nie verwendet hat.
Über Hunde freut sie sich immer,
es hört sich jedesmal so an,
als würde sie kichern oder richtig lachen
über das Tolpatschige und Ungestüme der Viecher.
Mich mag sie am liebsten,
das weiß ich ganz genau,
deshalb verrät sie mir auch jeden,
der sich an mein Zimmer
heranzuschleichen versucht.

Manchmal, ich weiß, es klingt verrückt,
glaube ich sogar, daß die Treppe
irgendwie spürt, wie ich mich
beim Lauschen fühle,
was oder wen ich erwarte,
wonach ich mich sehne oder
wovor ich Angst habe,
als würden meine Gedanken und Gefühle
lautlos schwebende Fußabdrücke bilden,
die sie ertasten und lesen kann.
Und daß sie sich ins Zeug legt,
damit ich nicht enttäuscht werde.
Aber viel kann sie natürlich nicht tun.

Wirklich verrückt ist, daß sie
niemals zu schlafen scheint.
Unsere Treppe ist in der Nacht genauso
lebendig und aufmerksam wie am Tag.
Nur, ab und zu könnte man meinen,
daß sie sich ein wenig fürchtet,
ein ganz kleines bißchen vielleicht.
Auf jeden Fall kommt sie nicht zur Ruhe,
obwohl eigentlich nie etwas zu sehen ist.
Nachts gibt es keine Melodien,
sie beläßt es fast immer bei
einzelnen, abrupten Geräuschen,
sie mag dann ganz besonders
die total plötzlichen, die einen
mitten im Schlaf wachmachen.
Das kann sehr unheimlich sein.
Vielleicht träumt sie ja auf eine Weise,
wie nur eine Treppe träumen kann.
Ob sie mir wohl irgendwann einmal anvertraut,
mit wem sie so geheimnisvolle Zwiesprache hält?
Manchmal, wenn niemand in der Nähe ist,
streichle ich über das Geländer,
über die weichen Kanten der Stufen.
Ich bin sicher, sie fühlt es.








Wortreihung siebenundsiebzig
Musik war das Element,
in dem wir uns
zuhause fühlten.
Mit ihr verflüssigten
wir die Last und Enge
der gegebenen Ordnung,
Sie entzündeten den Rhythmus,
mit dem wir die
Starrheiten um in uns
durcheinanderwirbelten,
mit dem wir alles
auf den Kopf stellten,
vernarrt in eine Kopflosigkeit
mit geschlossenen Augen.

Musik hören war ein Zustand,
der zur Lebensform wurde.
Nicht fixierbar, nicht materiell,
ein gezeitenloses Meer
aus klingenden Visionen,
unbesiegbar stark,
nur inmitten von Stille
von Ängstlichkeit berührt.

Musik fühlen wurde zur
emphathischen Liebeserklärung.
An die Gegenwart.
An ein wehrlos entblößtes
Existieren in vegetativer Freiheit.
An das Sich-Berauschen
am Sein, am schlichten
jetzt hier sein.
An Schnelligkeit,
Intensität und Übermaß als
willentlich nutzlose Vorkehrung
vor jedwedem Vorbei.
An die Liebe.
An das Leben
als taktile Musik
übermütiger Körper.
An Friedfertigkeit
pflanzende Herzen,
deren Hände mit
Blumen spielen.
An den Tod.
An das anschmiegsame
Sterben als das
gerechteste Maß
aller Dinge und
Menschen.
An das Ich.
Und Du.
Und Wir.
An die Musik.

Musik spielen
hieß Ikarus sein,
Sisyphus spüren,
Tantalus wecken,
einfach alle Geister
auf die Bühne holen
und zum regellosen
Tanz auffordern.
Die, die die Musik
spielten, sie baten
nicht, sie forderten,
mit elektrischen Gitarren
im Anschlag.
Sie forderten von
allen alles,
noch etwas mehr
von sich selbst.
Sie setzten violette
Träume frei, deren
kaleidoskopierende Blasen
dem Gewicht der Erde enteilten.
Sie verwandelten die Welt
in ein Erdbeerfeld für
alle Menschen, die jedem
ihrer trommelnden Schritte
Behutsamkeit und jedem
ihrer flirrenden Gedanken
Phantasien verliehen.
Sie überrollten die
Glücklosigkeit mit
einem tosenden Steinschlag
aus Sehnsüchten.
Sie glaubten blind
an alles, was
ihre Gefühle
sahen und hörten.
Sie öffneten Türen
so weit, daß sie
aus der Verankerung
rissen und den Blick
bis mitten in den Tod
hinein freigaben.
Sie erkundeten entgrenzte
Erfahrungsräume mit
äußerst kurz unerschöpflicher
Gier, übergossen sich mit
ihrem Feuer und schrien
am begeistertsten,
wenn sie den Punkt
des nicht mehr zurück
hinter sich wußten.
Sie verschenkten
Vorstellungen einer Welt
aus Frieden und Liebe,
aus Liebe und Frieden,
Vorstellungen,
die selbst in
schwarzen Tränen
Hoffnung irisieren.








Wortreihung dreiundachtzig
Von Himbeeren und anderen Geistern

Erzähl mir was
vom Himbeergeist,
Du weißt, was ich
am liebsten mag.
Theorien sind die
Umzugskisten des Verstandes.
So was?
Nein, völlig verrückt.
Lies aus Büchern vor,
in denen der Himbeergeist wohnt.
Cogito, ergo sum!
Ja, das ist ein
Himbergeist.
Was heißt das?
Ich sterbe, also war ich.
Das ist ja traurig.
Was anderes, aber
nichts Trauriges.
Der Referent referiert sein Referat,
draußen klemmt der Getränkeautomat.
Drinnen sind zwei nach draußen gegangen,
haltet sie, haltet sie, die haben Verrat begangen.
Weiter. Mehr.
Die Nekrophilie als transzendentales
Apriori des Da-Seins.
Das klingt schön,
was bedeutet es?
Man muß Neger lieben,
sonst ist man von vorneherein
auf dem falschen Da-Mpfer.
Bei uns gibt es aber keine Neger,
die man lieben könnte.
Wir sind auch auf
dem falschen Dampfer.
Noch einen Himbeergeist,
bitte, noch einen
klitzekleinen.
Einzig wirklich ist die Bombe,
wir sind die Lemuren ihres Zünders.
Der gilt nicht.
Wieso?
Weiß nicht, aber der
gilt nicht, der ist
irgendwie komisch.
Mach weiter.
Mach 2.
Prima, zwei sind
immer besser als einer.
Was ist ein Flohbär?
Ein klitzekleiner Bär.
Falsch.
Dann weiß ichs nicht.
Ein Schriftsteller,
aus Frankreich, weltbekannt.
Das glaube ich nicht,
ist aber ein schöner
Himbeergeist.
Kreuzen Sie bitte
Anzukreuzendes an.
Welches Computerspiel
mögen Ihre Kinder am liebsten?
Weltkrieg I?
Weltkrieg II?
Weltkrieg III?
Ich mag überhaupt
kein Weltkriegspiel,
die sind doch alle doof.
Amor fati.
Das stimmt, ich hab
Dich wirklich lieb, aber
das gehört nicht zum
Himbeergeist.
Wer mit den Augen
nicken kann, den
muß jeder lieben.
Ehrlich?
Ja.
Dann zeig mir,
wie mans macht.
Das geht nicht.
Warum nicht?
Himbeergeister haben keine
Hände, die zeigen können.
Aber ich bin sein Bote
und dann nur das,
was er können kann.
Knöchelnder Applaus.
Nein, noch nicht.
Doch, doch,
Es ist vorbei,
Du weißt, sobald sich
der Vorhang hebt,
nehmen Himbeergeister
hurtig scheu Reißaus.
Das glaub ich nicht.
Wer weiß, braucht
nicht zu glauben.
Wirklich?
Ganz wirklich.
Ich glaub Dir nicht,
Du bist ein Himbeergeist.








 
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